Auf Mensur – fertig – …und was noch?

Studentisches Fechten

Die Braunschweiger Burschenschaft Alemannia ist eine schlagende Verbindung und verpflichtet seine Mitglieder zum Erlernen des studentischen Fechtens sowie zu einer Mensur.

Für die meisten Außenstehenden wirkt die Fortführung der langen waffenstudentischen Tradition in der heutigen Zeit befremdlich und abschreckend. Fakt ist, dass diese Einschätzungen in der Regel auf Unwissenheit beruht. Die Gründe für unsere Entscheidung, das studentische Fechten beizubehalten, sind im Wesentlichen:

  • Stärkung des Zusammenhalts durch die intensive gemeinsame Vorbereitung und durch die Unterstützung, die jedem Paukanten entgegengebracht wird.
  • Meistern einer besonders herausfordernden Situation.

Das studentische Fechten im Bundesleben

Wird ein junger Student bei uns aktiv, also Fux, so erlernt er in regelmäßigen Paukstunden die Grundlagen des studentischen Fechtens, d.h. bekommt ein Gefühl für den Schläger und den Komment. Dieser Komment ist sozusagen das Regelwerk des studentischen Fechtens. Hier sind Aspekte wie Abstand, Hiebanzahl, erlaubte Hiebe usw. genau regelt. Man darf sich das studentische Fechten dabei nicht wie das Sportfechten mit Florett vorstellen, da es sich bei letzterem im Gegensatz zum studentischen Fechten (Hiebfechten) um Stoßfechten handelt. Die Übungsstunden sind für alle Paukpflichtigen (das ist man i.d.R. bis zum 6. Semester) Pflicht, d.h. es üben hier junge Füxe ebenso wie ältere Semester. Die Leitung dieser Übungsstunden hat ein Vorstandsmitglied, der Fechtwart, inne, bei dem es sich i.d.R. um einen höhersemestrigen Burschen handelt, der bereits eine oder zwei Mensuren gestanden hat und damit die notwendige Erfahrung vorweisen kann.

Das Fechten ist ein zentraler Aspekt unserer Verbindung. Durch das regelmäßige, gemeinsame Erlernen eines für alle einmal fremden Sports, bildet sich ein enger Zusammenhalt heraus, welcher der wichtigste Teil unseres Traggerüstes ist. Das Prinzip ist dabei auch, dass die älteren den jüngeren ihr Wissen weitergeben.

Wenn nach einiger Zeit (ca. 1 – 2 Semestern) die übrigen Bundesbrüder befinden, dass der Fux die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten für eine Mensur erlangt hat, wird der Fechtwart beauftragt, für ihn eine Mensur auszuhandeln. Dies tut er dann im Rahmen der regelmäßigen Treffen mit anderen schlagenden Verbindungen. Dabei wird ein Mitglied einer anderen Verbindung (nie derselben Verbindung) gesucht, so dass beide Paukanten in punkto Größe, Schnelligkeit und technischem Können in etwa übereinstimmen.

Wenn der Tag der Mensur naht, stehen diejenigen, die auf Mensur gehen, im Mittelpunkt des Bundeslebens. Sie erhalten in dieser Zeit, die sicherlich für die meisten von Nervosität und Aufregung gezeichnet ist, von den übrigen Bundesbrüdern den notwendigen Rückhalt und Zuspruch. Die Rückendeckung, die man hier erfährt, spiegelt einen wichtigen Aspekt unserer Verbindung wieder.

Die Mensuren finden i.d.R. auf einem von zwei Mensurtagen statt, die je Semester organisiert werden. Eine Bestimmungsmensur, d.h. eine Mensur, die von unserer Burschenschaft gefordert wird, ist nicht als „Kampf“ zwischen den beiden Paukanten (Fechtenden) anzusehen. Ziel ist es nicht, den anderen zu besiegen, sondern Ziel ist es, dass beide diese herausfordernde Situation bewältigen, ohne verletzt zu werden und dabei die Technik zeigen, die sie in den vorherigen Übungsstunden erlernt haben. Falls es dennoch zu Treffern, sprich Verletzungen, kommt, sind grundsätzlich ausgebildete und erfahrene Ärzte vor Ort. Schwere oder gar tödliche Verletzungen sind aufgrund der guten Schutzkleidung nicht möglich.

Die Mensur ist für jeden Paukanten eine Herausforderung, die es zu meistern gilt.

Geschichtliche Entwicklung des Studentischen Fechtens:

Nachweise für „Studentenduelle“ finden sich schon seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Auch Goethe war in ein studentisches Duell verwickelt und am Arm verletzt, als er während seiner Studentenzeit 1768 einen Kommilitonen beleidigte. In der Auffassung vom Fechten trat bei den schlagenden Verbindungen eine wesentliche Weiterentwicklung ein: Vom Duell über die Verabredungsmensur zur Bestimmungsmensur. Anstelle der Regelung von echten oder eingebildeten Ehrenangelegenheiten trat das Eintreten für den Bund in den Vordergrund. Als ein für die äußere Erscheinung nötiges Merkmal eines Waffenstudenten galten sichtbare „Schmisse“. 1883 entschied jedoch das Reichsgericht, daß die Mensur strafbar sei. Dieses Urteil bildete für 70 Jahre die Grundlage für die rechtliche Bewertung der Mensur. Im „Göttinger Mensurenprozeß“ (1951-1953) bestätigte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe, daß durch die Mensur zwar gefährliche Körperverletzungen im Sinne des Strafgesetzbuches entstehen können, diese aber durch Einwilligung des Verletzten straflos seien. Außerdem verstoße die Mensur nicht gegen die guten Sitten.

Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch innerhalb der einzelnen Korporationsverbände führte die Frage der Wertigkeit der Mensur zu langen und heftigen Diskussionen. In unserem Dachverband, der Deutschen Burschenschaft, ist es den einzelnen Mitgliedsverbindungen seit 1971 freigestellt, ob sie die Bestimmungsmensur als Pflicht in ihre Grundsätze aufnehmen.